Page 20 - FM_OL_2-2024_FLIPBOOK
P. 20
Familie und Soziales
Der Teufelskreis der Armut –
Familie als Armutsrisiko?
Die sich immer weiter öffnende
Schere der Ungleichheit
© iStock.com/Denis Novikov
amilie ist ein Armutsrisiko in ihre Existenzgrundlage bedrohen. Die Aber nicht nur Alleinerziehende sind
unserer Gesellschaft. Insbesondere, Gründe dafür sind vielfältig und reichen betroffen. Auch Familien mit beiden
Fwenn mehrere Kinder im Haushalt von stagnierenden Löhnen auf Min- Elternteilen, die hart arbeiten, sto-
leben, oder es sich um Ein-Eltern-Fami- destlohnniveau über prekäre Beschäfti- ßen auf finanzielle Hürden. Die stark
lien handelt. Und immer mehr Familien gungsverhältnisse bis zu unzureichenden gestiegenen Preise für Lebensmittel und
sind trotz Erwerbsarbeit von Sozialleis- sozialen Sicherheitsnetzen. Alleinerzie- Kraftstoff, die steigenden Kosten für
tungen abhängig. Dass diese deutschland- hende Mütter und Väter, oft gezwungen, Wohnraum und Gesundheitsversorgung
weite Entwicklung auch in Oldenburg zwischen Berufstätigkeit und der Pflege verschärfen diese Problematik zusätz-
besorgniserregende Realität geworden ihrer Kinder zu jonglieren, stehen vor lich. Und auch Bildung ist nach wie vor
ist, macht der im April veröffentlichte besonders schweren Belastungen. Trotz teuer in unserem Land.
Armutsbericht der Stadt Oldenburg deut- ihres Einsatzes sind sie häufig nicht in der
lich. Hiernach liegt die Armutsgefähr- Lage, ihren Familien ein ausreichendes In Oldenburg ist laut Armutsbericht
dungsquote in Oldenburg bei 17,7 Prozent Einkommen zu sichern. davon auszugehen, dass über 7.000 Kin-
und damit etwa ein Prozent über dem der unter 18 Jahren in einer materiellen
Bundesdurchschnitt. In Oldenburg gibt es 3.951 Haushalte Armutslage aufwachsen. Und hier ist
mit einem alleinerziehenden Elternteil, die verdeckte Armut, also dort, wo etwa
Immer mehr Familien sind trotz harter 37,8 Prozent dieser Haushalte sind auf Sozialleistungen nicht in Anspruch
Arbeit und Bemühungen mit finanziel- (aufstockendes) Bürgergeld angewiesen. genommen werden, noch nicht mitge-
len Herausforderungen konfrontiert, die Eine erschreckend hohe Zahl. rechnet.
Fallbeispiel:
Marina und Klaus leben mit ihren zwei Kindern Paul (4) und Johanna (1,5) in einer Vierzimmerwohnung
in Oldenburg. Da es für Johanna noch keinen Krippenplatz gibt, arbeitet Marina derzeit auf Minijob-Basis
am Wochenende in der Gastronomie, Klaus arbeitet in einem Betrieb in der fleischverarbeitenden Indus-
trie, seit kurzem erhält er statt Mindestlohn 13,50 € pro Stunde. Inklusive Kindergeld verfügt die Familie
über 2.421,00 € monatlich. Für Miete und Energie werden monatlich ca. 1.000 € fällig.
Da Klaus ziemlich weit zu seiner Arbeit fahren muss und aufgrund des Schichtdienstes auf das Auto
angewiesen ist, belaufen sich die Ausgaben für die Mobilität insgesamt auf 390 € pro Monat. 600 € gehen
ungefähr für Lebensmittel und Hygieneartikel weg. Versicherungsbeiträge, Essensgeld in der Kita, Be-
kleidung und auch mal ein Weihnachtsgeschenk für die Kinder – da ist kein Geld für Rücklagen. Als die
Waschmaschine kaputtgeht, muss Marina sich bei ihrer Mutter Geld leihen. Nicht auszudenken, wenn der
12 Jahre alte Pkw mal nicht mehr fahren kann.
20 familienmagazin | Sommer 2024